Die Walter-Lübcke-Brücke verbindet die Stadtgesellschaft

Die Walter-Lübcke-Brücke verbindet. Sie verbindet die Stadtteile Mitte und Unterneustadt. Sie verbindet die Menschen der Stadtteile miteinander. Sie verbindet die Stadtgesellschaft im Eintreten für Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und gegen Rechtsextremismus. Walter Lübcke, der in der Nacht vom 01. auf den 02. Juni 2019 von einem Rechtsterroristen mit Unterstützung seiner Kameraden ermordet wurde, hat in seinem Tun als Regierungspräsident, als Politiker, aber auch als den Menschen zugewandte Person außerhalb seines beruflich-politischen Wirkens Menschen miteinander verbunden. Walter Lübcke war ein Menschenfreund und musste dafür sterben.

Die kurze Geschichte der Auseinandersetzung um die Umbenennung der Brücke, die bis zum 22. Juni Branner-Brücke hieß, hat die Menschen nicht zueinander gebracht, sie hat eher gespalten als versöhnt. Es begann mit der verdienstvollen Veröffentlichung einer Untersuchung des Wirkens der drei sozialdemokratischen Kasseler Oberbürgermeister, Seidel, Lauritzen, Branner, in der NS-Zeit (Verfasser*in Sabine Schneider, Eckart Conze, Jens Flemming, Dietfrid Krause-Vilmar). Hierin wurden die tiefen Verstrickungen des von 1963 bis 1975 als OB der Stadt arbeitenden Karl Branner aufgearbeitet und die Kasseler SPD in ein Dilemma gestürzt. Eine lässliche Jugendsünde, so wurde wohl die SA-Mitgliedschaft, die Doktorarbeit voll mit völkischem und nazistischem Gedankengut, die berufliche Tätigkeit bei der DAF und schließlich die Mitgliedschaft im NS-Rechtswahrerbund von einem Großteil der Kasseler Sozialdemokraten interpretiert. Branner gerierte sich nach 1945 (zurecht?) als „lupenreiner Demokrat“ und wurde von seinen Genossen darin bestärkt: Zweimalige Wiederwahl zum OB, Großes Bundesverdienstkreuz mit Stern und am Schulterbande, Ehrengrab auf dem städtischen Friedhof – so ziemlich alles an Ehrenplaketten, was sich so Politiker*innen gegenseitig anzuheften pflegen. Dieses Ehren und das Hinwegsehen über die Branner`sche NS-Vergangenheit konnte nur geschehen, weil die Kasseler SPD ihre eigene NS-Vergangenheit nicht konsequent aufgearbeitet hatte. 

Was sollte nun mit der schönen, neuen Branner-Brücke geschehen? Sollte sie „Brücke am Rondell“ heißen, wie die Grünen es wollten, „Europa-Brücke“ wie einige Sozialdemokraten etwas verschämt vorschlugen oder einfach den Karle (Branner) weiter auf der Brücke leben lassen und ihm eine Gedenktafel verpassen. Eine Tafel zum Ruhme und mit entschuldigendem Text zu seinen Jungendsünden – freilich so, dass keiner was lesen und dem Karle nichts nachgesagt werden sollte. Beschlossen und konsequent umgesetzt: Die Tafel hing im Januar 2017 am Sockel der Brücke drei Meter hoch und keiner sah was. So stellte sich der Kasseler Magistrat seine Vergangenheitsbewältigung vor. Indes die Brücke behielt den Namen des legendären OB. Sie hieß weiter Karl Branner-Brücke.

Damit war das politische Geziehe und Gezerre um den Brückennamen freilich nicht beendet. Die Ortsbeiräte Mitte und Unterneustadt meldeten sich, Kasseler Bürger mokierten sich über die Tafel-Posse, die Hessenschau des Hessischen Rundfunks machte Kassel zum Gespött, die Stadtverordneten tagten und die Wissenschaftler*in drohten mit Klage. Die Umbenennung der Brücke geriet zu einer Kakophonie der Kasseler Stadtgesellschaft. Die maßgeblichen Kommunalpolitiker*innen zeigten sich (politik)unfähig zur Namensgebung einer Fußgängerbrücke.

Mit dem 02. Juni begann sich das an sich triviale Problem auf fatale Weise zu lösen. Mit der Ermordung Walter Lübckes, dessen Dienstort direkt oberhalb der in Rede stehenden Brücke liegt, dessen politische und menschliche Reputation von keinem in Frage gestellt wurde und der ein politischer und menschlicher „Brückenbauer“ (OB Geselle) war, sollte diese Auseinandersetzung um die Brücke ein versöhnlich-tragisches Ende finden.

Die Stadtgesellschaft kann nun Stolz auf eine sie verbindende Walter-Lübcke-Brücke sein.

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