Interview Ingmar “Inge” Merle (KSV Hessen Kassel)

Ingmar “Inge” Merle ist ein Fußballspieler beim KSV Hessen Kassel – ein Fußballverein mit großer Tradition und eher überschaubaren Erfolgen in der Gegenwart. Der KSV spielt in der 5. Liga (“Hessenliga”) mit zuletzt guten sportlichen Ergebnissen und einem schwachen Etat, der für diese Liga reicht, aber für weitergehende Ambitionen wohl kritisch sein dürfte. In finanzieller Hinsicht bestehen begründete Zweifel an der Aufstiegsfähigkeit in die 4. Liga (“Regionalliga”). Auch im Fußball hängt letztlich alles an der lokalen resp. regionalen Wirtschaft, solange kein potenter auswärtiger Investor mit großen Plänen für den Verein kommt. Das ist angesichts der sportlichen Gesamtlage des Vereins in der 5. Liga eher unwahrscheinlich. Also muss Fußball neben den eigentlichen fußballerischen Qualitäten mit Leidenschaft, Spaß und dem “Hoffen auf ein Wunder” gespielt werden.

In dem folgenden Interview soll es deshalb “Hinter den Kulissen” vor allem um die Umstände vor, hinter und neben dem “Rasen” gehen. Mit Inge Merle kommt ein Liebling des Kasseler Fußballpublikums zu Wort. Ein gestandener Fußballer, 29 Jahre alt, eine feste Größe in der Mannschaft, mit feiner Schusstechnik und einigen verletzungsbedingten Ausfällen in der Hinrunde. Wir treffen uns an der Arbeit in der VW-Akademie.

Ingmar Merle mit Jens Dembowski
(Leiter der VW-Akademie) anlässlich der Weihnachtsfeier 2019

Ingmar Merle mit Jens Dembowski (Leiter der VW-Akademie) anlässlich der Weihnachtsfeier 2019

Michael Lacher (ML): Was ist los? Du siehst etwas fertig aus.

Inge Merle (IM): Es ist etwas viel zur Zeit. Hier an der Arbeit, die Vorbereitung auf die Rückrunde und zuhause meine kleine Tochter. Es gibt allerdings nichts Schöneres, als abends nach Hause zu kommen und meine Tochter zu sehen und in den Arm zu nehmen. Sie ist jetzt zwei Jahre alt. Dann vergesse ich den Tag. Da geht die Anstrengung weg.

ML: Um dich gut zu erholen,wieviel Schlaf brauchst du?

IM: Ich brauche 8 bis 9 Stunden. Und habe jetzt 6 Stunden.

ML: Bisschen wenig?

IM: Das ist eine Einstellungssache. Arbeit ist `ne Einstellung, Leben ist `ne Einstellungssache. Fußball ist auch eine Einstellungssache, Mentalität, Charakter, Leidenschaft. Wir sind irgendwo alle verrückt. Das gehört zum Fußball dazu, diesen Aufwand zu betreiben. Wir trainieren wie Profis…

ML: ..und werdet bezahlt wie Amateure…

IM: Ja, und ich brauche das für mich. Als Ausgleich. Ich komme viel über Einstellung, Leidenschaft und Wille. Siegeswillen.  

ML: Da müssen Arbeit, Familie und Fußball zusammenpassen. Wann kommst du denn abends nach dem Training nach Hause.

IM: Um ½ 7 Uhr. Das Training zur Vorbereitung ist sehr intensiv. Sechs Tage die Woche, ein Tag frei. Trainingsvolumen zwischen 2 Stunden und 2 Stunden 15. Das ist kein Auslaufen. Das ist jeden Tag Vollgas. Grundlagen-Ausdauer-Training wird nach individuellen Trainingsplänen vor dem Trainingsauftakt gemacht.

ML: Wie sieht das aus? 

IM: Da bin ich immer hinterher. Ich war schon immer einer, der eifrig ist. Da läuft man zwischen 4:30 Min. und 6:00 Min. pro km.

ML: Sehr moderat, oder?

IM: Das stimmt. Das ist human. Da gibt’s aber die 200 m-Läufe, Intervallläufe, das ist schon knackiger.

ML: Wo machst du das?

IM: Für die Intervallläufe ist der Park Schönfeld super, da wo ich wohne. Da gibt’s Steigungen beim Knast hoch für die Intervallläufe und für die Grundlagen laufe ich in die Aue rein.

ML: Und wie oft machst du das?

IM: Vor dem Trainingsauftakt ungefähr drei bis vier Mal die Woche. Immer ungefähr eine Stunde und zusätzlich Stabilitäts- und Kraftübungen eine halbe bis dreiviertel Stunde. Wichtig ist aber auch in der freien Zeit mal abzuschalten, um sich wieder aufs Ballspielen zu freuen. Mit dem Ball hat man eben die meiste Freude. Dafür ist man Fußballer.

ML: Individuelles Training ist wohl langweilig. Aber was sollen da die Triathleten sagen?

IM (lacht): Das stimmt. Aber nach dem Ende meiner Karriere als Fußballer habe ich mir vorgenommen, mal Marathon zu laufen. Ohne Zeitvorgabe. Das wollte ich schon immer mal machen.

ML: So weit ist es noch lange nicht. Du bist 29 Jahre alt, kein schlechtes Fußballeralter.

IM: Aber ich werde kein Bundesligaspieler mehr (lacht). Da muss noch was anderes dazukommen. Es wird noch für ein bisschen mehr reichen. Es geht um Fußball. Ich möchte so hoch wie möglich für den Verein KSV Hessen Kassel Fußball spielen und meinen Teil dazu beitragen, damit der Verein Erfolg hat. Von meiner Persönlichkeit her passe ich sehr gut in diesen Verein. Wir sind ein Verein, der sehr über Kampf und Leidenschaft kommen muss, weil wir nicht diesen finanziellen Background haben.

ML: Wie lange willst du das denn noch machen?

IM: Ich glaube, wenn ich verletzungsfrei bleibe und alles drum herum passt, kann ich das auf dem Niveau noch bis 33 oder 34 Jahre machen. 

ML: Wo siehst du denn den Verein sportlich in 5 Jahren?

IM: Das kann man im Fußballgeschäft schwer sagen. Das ist so schnelllebig. Ich sehe die Mannschaft in der Regionalliga. Da muss man sich dann richtig etablieren. Man muss über 2 bis 3 Jahre oben mitspielen und dann erst den Sprung machen. Die Region hat einen Regionalligisten verdient. Eigentlich noch mehr. Aber wir bekommen es nicht hin. Da gehört der Verein, die Region, da gehört alles zusammen. Es braucht Langfristigkeit und Zukunft.

ML: Angesichts der Spielergehälter in der 3.Liga von durchschnittlich 120.00 € pro Jahr ist der Verein weit weg.

IM: Das stimmt. Aber am unteren Rand liegen die Gehälter bei 6.000 bis 8.000 € pro Monat. Als Aufsteiger liegen die Gehälter unter dem Durchschnitt. 

ML: Geld und Fußball ist ein Riesenthema. Goldsteaks in Dubai, Privatflüge zum Abendessen und vieles mehr. Tuen diese Dinge dem Fußball gut?

IM: Tuen sie ihm Schlechtes? Es kommt auf die Unternehmen als Sponsoren und die Vereine an. Sie sind Arbeitgeber und müssen auch auf die jungen Spieler Acht geben, die plötzlich zwei Millionen verdienen. Der Fußball ist eine Blase. Und alles geht über die sozialen Medien raus. Man kann nichts mehr, ohne fotografiert zu werden. Da muss ich den Spielern etwas an die Hand geben, dass nicht sofort alles an die Öffentlichkeit geht. Ein gutes Beispiel ist Christian Streich, der Trainer vom SC Freiburg. Er ist ein phänomenaler Typ, der eine hohe Wissbegier auf allen Eben hat. Ein bisschen verrückt im positiven Sinne. Aber ein Mensch, der junge Spieler enorm weiterbringen kann. Ein Trainer, der weiß, wo es bei jungen Spielern ankommt. Es gibt keinen besseren für die jungen Spieler. 

ML: Wie war das bei dir als du mit 16 Jahren nach Paderborn gekommen bist?

IM: Ich wollte Profi werden und meine Schule zu Ende machen, was ich auch dann gemacht habe. Dem Fußball wurde alles untergeordnet. Aber irgendwie stand ich mir selbst im Weg.

Ich war jung, wurde vielleicht auch manchmal schlecht beraten, ich war ehrgeizig und verbissen. Ich hatte viele Verletzungen, mit denen ich schlecht umgegangen bin. Ich habe Verletzungen nicht immer zu 100% auskuriert. Heute bin ich professioneller. Damals gab es z.B. keine psychologischen Programme wie heute. Fragen, wie gehe ich mit Misserfolgen um, mit Niederschlägen auch privat wurden zu wenig beachtet. Mein größter Misserfolg war, dass ich leider kein Profi geworden bin. Da musste ich dran knabbern. 

ML: Schmerzt das heute noch?

IM: Nein, definitiv nicht. Ich habe einen anderen Weg eingeschlagen. Das ist doch nur ein kurzer Zeitraum, Fußballprofi sein zu können. 

ML: Spielte die Ausbildung bei VW eine Rolle?

IM: Ja, absolut positiv. Ich musstemir neue Ziel suchen. Zu Volkswagen zu kommen, hier einen unbefristeten Arbeitsvertrag zu bekommen, war ein Sechser im Lotto.. Das ermöglicht mir ja auch noch den Nebenweg (das Fußballspielen) machen zu können.

ML: Nun geht bald die Saison wieder los. Was ändert sich da? 

IM: Da freue ich mich erstmal. Das geht ja schon mit dem Pokalspiel gegen Baunatal am 22.02. los. Wenn die Vorbereitung rum ist, dann ist das Trainingsvolumen und die Trainingssteuerung eine andere. 

ML: Habt ihr in der Vorbereitung mit Tobi Damm etwas geändert als vorher mit Hirsch?

IM: Ja, wir haben auch in der Phoenix-Akademie trainiert, einem Thai-Box-Weltmeister, um die Mentalität, das Teambuilding, den körperlichen Gesamtzustand herzurichten. Generell haben Sebastian Busch und Tobi Damm einen guten Weg eingeschlagen. 

ML: Der Erfolg spricht für sich. Zum Abschluss noch zu deinen fußballerischen Vorlieben. Was ist denn dein Lieblingsverein?

IM: Das ist der BVB. Ein bodenständiger Verein. Die Fans. Früher war ich öfter mal da. Ich hatte gute Kontakte zu dem ein oder anderen im Verein. 

ML: Und international?

IM: Du weißt, ich bin ein Klopp-Fan. Also Liverpool.

ML: Damit ist es auch klar, was den Trainer angeht.

IM: Ja, ich bin aber auch Streich-Fan. Seine Art, der ist auch politisch.

ML: Und Fußballer?

IM: Ja, der Mané vom FC Liverpool. Der Beste aller Zeiten war Zinédine Zidane. Der absolut Komplette, der unbedingte Wille und die Leichtigkeit. Aber auch Toni Kroos. Auf was für einem Niveau der sich bewegt. Der erfolgreichste deutsche Fußballspieler, den wir in Deutschland überhaupt hatten. Da würde ich mich als Bayern München immer noch in den Hintern kneifen, den weggegeben zu haben.

ML: Das sind die großen Namen, die großen Vereine, das große Geld. Wir backen etwas kleinere Brötchen. Geht es in dieser Saison für den KSV um den Aufstieg in die Regionalliga?

IM: Wenn wir maximale Leistung bringen, können wir mit der Mannschaft aufsteigen. Der Zeitpunkt hängt davon ab, ob wir die Leistung auf den Rasen bringen.

ML: Ich danke dir für das Gespräch und wünsche euch für den Rest der Saison, dass ihr die “maximale Leistung auf den Rasen bringt.”

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